Persönlichkeiten

Delfina Randolf

Zum Rhythmus der Ziehharmonika und der typischen Pozuziner Musik können wir sagen, dass Delfina Randolf eine außergewöhnliche Persönlichkeit ist, ein nachahmungswertes Beispiel und ein lebendiges Kleinod von Pozuzo, der Region Pasco und ganz Peru.

Delfina Randolf Crisanto wurde am 1. Oktober 1924 in Puquiazu, Ortsteil Yanahuanca von Pozuzo geboren. Heute gehört das zur Provinz Oxapampa der Region Pasco. Sie war die Tochter von Juan José Randolf Vogt mit österreichischer Nationalität – zweite Generation – und Juana Crisanto Gonzáles mit spanischer Nationalität – dritte Generation. Getauft wurde sie von Pozuzos zweitem Priester, Francisco Schafferer, in der Kirche San José, feierte die Erstkommunion am 20. Juni 1933 in der Kapelle San Antonio in Yanahuanca und wurde von Pfarrer José Pous am 13. Februar 1933 gefirmt.

Insgesamt waren es sechs Geschwister, der Junge hieß August und die Mädchen Aurelia, Delfina, Monika, Carolina, Ana y Sabine. DieDelfina Randolf ersten drei der Geschwister wurden in Puquiazu, Yanahuanca, geboren, zwei im Ortsteil Naranjal und die letzte in Seso. Sie kamen aus einer armen und großen Familie, doch gut im katholischen Glauben erzogen. «Schon als kleines Mädchen lehrte sie ihre Mutter zu beten und informierte sie über religiöse Themen, wie z.B. die Beichte, Achtung und Einhaltung der zehn göttlichen Gebote. Während ihre Mutter im Garten arbeitete zeigte sie wie man den Rosenkranz betet».

Der Pfarrer Francisco Schafferer war ihr Religionslehrer, der einmal in der Woche in Yanahuanca in deutscher und spanischer Sprache unterrichtete und Carolina Egg Johann hatte sie als erste Lehrerin in der Schule. Um am Unterricht in Yanahuanca teilzunehmen musste sie, ebenso wie ihre Geschwister, von zuhause aus zwei Stunden laufen. Ihr Onkel Samuel Crisanto Gstir bot ihr Aufenthalt in seinem Hause an und so konnte sie bis zur dritten Klasse am Unterricht teilnehmen.

Die Familie Randolf Crisanto lebte zunächst in Puquiazu, doch musste sie sich wegen Banditen und Verbrecher aus Panao in den Ortsteil Naranjal zurückziehen. Leider hatten sie wiederum schlechte Nachbarn und die Familie zog erneut weg, jetzt in den Weiler Seso, wo ihnen ihr Onkel Ernesto Crisanto Gstir ein Grundstück schenkte.

Im Alter von 15 Jahren bereitete Delfina in Seso bereits eine Gruppe von Kindern auf die Erstkommunion vor. Drei Jahre lang arbeitete sie als Helferin in der Küche der Kirche San José in Pozuzo. In dieser Zeite lehrte ihr der Pfarrer Luis Ipfelkofer das Harmonium zu spielen, auch nach Noten. Am 13. Dezember 1942 spielte sie zum ersten Mal Harmonium während der Heiligen Messe. Die ersten Personen, die sie unterstützten und im Kirchenchor sangen waren ihre Onkel Ernesto und Samuel Crisanto Gstir, José Heidinger Schuler und Jorge Echevarria Schmidt, die alle in Deutsch, Latein und Spanisch sangen. Delfina Randolf kommentiert: «Vielen Dank an unseren lieben Gott. Abwohl die Sänger ihres ersten Chores verstarben fanden sich immer wieder Männer und Frauen zum Mitsingen!».

Delfina Randolf erinnert sich an ihre Kindheit: «Um am Sonntag die Heilige Messe zu besuchen quartierten wir uns bei Onkel Samuel Cristanto Gstir ein. Nachts versammelten sich die Nachbarn, um typische Tänze und Lieder zu üben und zu überdenken. Jorge Echevarria Schmidt, das war der Musiker, brachte eine Mundharmonika, um das Harmonium zu ersetzen. Ich war sieben Jahre alt und in diesen Nächten lernte ich die typischen Pozuziner Tänze und Gesänge. Jorge Echevarria und Juana Gstir Schuler, Rosalía Gstir Schuler, Samuel Crisanto Gstir, Ernesto Crisanto Gstir, Elvira Crisanto Gstir, Sabina Crisanto Gstir, Carolina Crisanto Gstir, meine Mutter, Juana Crisanto Gonzáles, alle tanzten und ich beobachtete sie und erlernte alles.»

Ihre Eltern und der Pfarrer Andreas Riedl bemerkten, dass Delfina eine große Begabung und Berufung für die Lehrtätigkeit hatte und gewährten ihr volle Unterstützung. Die Lehrerin Carolina Egg unterrichtete sie und wurde ihre Lehrerin bis zur dritten Klasse. Zu dieser Zeit gab es in Pozuzo nur Schulbildung bis zur dritten Klasse. Sie war gezwungen nach Oxapampa umzuziehen, um die Grundschule bis zur sechsten Klasse abschließen zu können. Diese Schule wurde von deutschen Franziskanerinnen aus Bamberg geleitet. Auf dem einzigen Weg von Pozuzo nach Oxapampa, ein Saumpfad über Cajumpata, benötigte man damals drei Tage.

Nach Beendigung der Grundschule in Oxapampa begann sie am 1. April 1952 in der Kitzschule als Lehrerin zu arbeiten. Diese Schule war von Arnold Kitz gesponsert und in der Nähe des heutigen Museums Schafferer. 1960 reiste sie zusammen mit anderen Pozuzinerinnen wie Rosina Gstir Schmidt und Carolina Zevallos Berastein nach Lima, um in der Ferienzeit von Januar bis März in der Schule Colegio Guadalupe die Mittelschulausbildung fortzusetzen. 30 Jahre lang arbeitet so Delfina Randolf als Lehrerin (1952–1981) und beendet ihre Lehrtätigkeit in der Grundschule Reverendo Padre José Egg Nº 34226 im Zentrum von Pozuzo. Während ihrer Lehrtätigkeit hatte sie als Direktoren die Pfarrer Juan Pezzei (1961–1964), der ihr auch das Spielen der Ziehhormonika beibrachte, und Luis Starker (1965–1973) und als Arbeitskollegen unter anderen Lehrern Carolina Egg (1933–1968), Edilberto Westreicher Saldani (1962–1964), Alicia Poma (1970–1986) und María Schmidt (1969–2012). Auf Weiterbildungsveranstaltungen für Lehrer und bei anderen erzieherischen und kulturellen Aktivitäten in Pozuzo tauschten sie Erfahrungen mit Kollegen aus, die in anderen Teilen des Bezriks Pozuzo arbeiteten, wie Rosina Gstir (1957–1984), Abel Trujillo (1960–1991) und Federico Schmidt (1961–1973).

Im Jahre 1955 besucht der deutsche Journalist Karl Tannwald Schmidt und seine Frau Ingrid Pozuzo. Als sie feststellten, dass Delfina die deutsche Sprache lehrte entschieden sie ihr zu helfen und vermittelten, dass sie nach Lima reisen und an der Schule Santa Ursula und der deutsch-peruanischen Schule Alexander von Humboldt ihre Kenntnisse der deutschen Sprache verbessern konnte. In Unterhaltungen mit Lehrkräften der beiden Schulen kommentierte Delfina immer, dass in der deutschen Kolonie Pozuzo noch deutsch gesprochen wurde. Durch ihre neuen Freunde erreichte sie finanzielle Hilfe für die Kitzschule. Das Erziehungsministerium erteilte eine Zuwendung von 20.000 Soles zur Herrichtung der Schule – mit dem Hinweis, dass das Geld nicht verlorengehen und nicht verschwendet werden darf.

Zur Jahrhundertfeier von Pozuzo (Juli 1959) kamen Vertreter der deutschen und österreichischen Botschaft, die sich u.a. zum Bau einer neuen Schule verpflichteten. Unter der Leitung von Pfarrer Juan Pezzei war Alois Budweiser mit dem Bau beauftragt und die Schule wurde im Jahre 1961 eingeweiht. Zweifellos hatte Delfina sehr viel mit all den erzieherischen und kulturellen Werken dieser Zeit zu tun. Sie ist sehr dankbar für die Hilfe aus Deutschland und Österreich, die Pozuzo seit 1959 erhielt.

Im Jahre 1982 kamen die Tiroler Bruno Habicher und Elisabeth Schwarz, Gründer des Freundeskreises für Pozuzo mit Sitz in Silz, zu Besuch. Sie erreichten, dass der Tiroler Regierungschefs Eduard Walnöfer als Anerkennung für die freiwillige und unentgeltliche Lehre der deutschen Sprache und ihrer gesamten kulturellen Tätigkeiten in Pozuzo, Delfina Randolf zu einem offiziellen Besuch nach Österreich einlud. Während ihrer Aufenthalte in Österreich und Deutschland besuchte sie verschiedene Orte und schloss neue Freundschaften. So lebte sie im Hause von Gerd Randolf in Silz, heute als Zwillingsortschaft von Pozuzo bezeichnet. Ihre Reise durch diese Länder war natürlich sehr schön, unvergesslich und sie konnte dabei sehr viel Neues kennenlernen. Dazu erläutert Delfina: «Von meiner Reise zurück begann ich neue Tätigkeiten für mein geliebtes Pozuzo. Ich lehrte ohne Unterschied der Rasse für alle Interessierten die Musik nach Noten zu spielen und deutsche Lieder zu singen. Ich unterrichtete und bildete Gruppen für typische Gesänge und Tänze. Auch einen Kirchenchor für deutsche und spanische Gesänge leitete ich. Mehr als 60 Jahre lang habe ich für meinen geliebten Gott in der Kirche gesungen und gespielt. Jetzt habe ich Nachfolger, die das weitermachen was ich gelehrt habe, wie z.B. Fräulein Yeraldina Martínez Kroll, die die Noten so gut beherrscht wie ich. Sie reiste nach Deutschland und kam nach Pozuzo zurück, um hier zu arbeiten. Wir beten zum Heiligen Geist, zur heiligen Jungfrau und zum heiligen Joseph, die uns helfen, damit in unserem Leben alles gut geht. Immer habe ich mit dem Volk zusammengearbeitet, ohne einen Unterschied der Rasse, weil die Einheit Himmel und Erde bewegt.»

Am 26. Februar 1986 beantragte Delfina Randolf Crisanto zusammen mit Mutter Juana Eifertinger von der Schule Santa Maria Goreti in Lima bei der deutschen Botschaft in Peru eine Beihilfe zum Kauf des Hauses Betania. Dieses typische Pozuziner Gebäude sollte das zukünftige Museum aufnehmen und kostete US$ 4000,00. Für diesen Kauf gab es auch Unterstützung von wichtigen österreichischen Institutionen wie der Zonta Club in Wien, Freundeskreis für Pozuzo in Tirol. Einen Teil der Kosten übernahm die Asociación de Historia y Cultura de Pozuzo. Im April 1988 konnte der Kauf des Hauses Betania abgeschlossen und das Museum Schafferer endlich am 19. September 1993 eingeweiht werden. Mitbegründerin und ständige Hilfe war Delfinas gute Freundin, die Tiroler Lehrerin Theresia Treichl.

Aml 27. Mai 1979 wurde die Sociedad Cultural de Pozuzo gegründet. Die Gründer waren Agustín Egg Schuler, Carolina Egg Johann, Francisco José Köhel und Delfina Randolf. Am 7. Mai 1984 wurde diese kulturelle Vereinigung als «Asociación de Historia y Cultura de Pozuzo» in das öffentliche Verzeichnis der Vereinigungen eingetragen. Delfina Randolf war die erste Sekretärin und später auch Vorsitzende dieser wichtigen kulturellen Vereinigung in Pozuzo.

Im Jahre 1993 konnte die «Asociación de Historia y Cultura de Pozuzo» mit Unterstützung von  in Lima wohnenden Pozuzinern sieben typische Pozuziner Gesänge und Tänze in INDECOPI einschreiben. Die Noten und musikalischen Texte waren von Delfina Randolf zusammengetragen worden, darunter der bekannte typische Tanz «Beirisch Polka» und das Lied «Sentimiento pozucino» (Pozuziner Empfinden), das als die kulturelle Hymne Pozuzos angesehen werden kann.

Im Rahmen des 150-jährigen Jubiläums von Pozuzo verlieh der peruanische Kongress im Juli 2009 Ehrenurkunden an zwölf herausstechenden Pozuziner Persönlichkeiten, darunter auch Delfina Randolf. Im Lebenslauf und der dem Kongress für die Verleihung vorliegenden Begründung heißt es: «Fräulein Delfina Randolf Crisanto. Pozuziner Lehrerin im Ruhestand, sie widmet sich der Erziehung, der Erhaltung der von den deutsch-österreichischen Kolonisten mitgebrachten Traditionen und Gebräuche (deutsche Sprache, Musik und Tanz), dem katholischen Glauben und ist trotz ihres fortgeschrittenen Alters stellvertretende Direktorin des Schafferer-Museums in Pozuzo».

Die Gemeinde Pozuzo zeichnete Delfina als ehrenhafte Bürgerin mit der Medaille «Sesquicentenario de Pozuzo» (150 Jahre Pozuzo) aus. Diese Auszeichnung erhielten außerdem herausragende Persönlichkeiten und ehemalige Bürgermeister Pozuzos, die wichtigsten regionalen, nationalen und internationalen Persönlichkeiten (aus Österreich, Deutschland und der deutschen Kolonie Tovar in Venezuela), die mit ihrer Anwesenheit während der Festlichkeiten zum 150-jährigen Jubiläum ehrten. In ihrem eleganten Stil mit ihrer typischen Tiroler und Pozuziner Tracht bekleidet marschierte Delfina Randolf stolz an der Seite der Mitglieder der Vereinigung «Asociación de Historia y Cultura de Pozuzo» beim «VII. Treffen der Deutschsprachigen Gemeinschaften Lateinamerikas», das vom 7. bis 9. Oktober 2009 in Pozuzo abgehalten wurde.

Delfina Randolf wird bald ihren 88. Geburtstag feiern, doch nimmt sie immer noch früh um 08:00 h in der Sankt-Josephs-Kirche in Pozuzo an der Sonntagsmesse teil. Weiterhin singt sie deutsche religiöse Lieder und verfolgt aufmerksam die Tätigkeit ihrer Nachfolger, Frau Eva Solleder de Ballesteros, derzeitige Vorsitzende der Asociación de Historia y Cultura de Pozuzo, Vorsitzende und Führerin im Museum Schafferer, sowie ihre Lieblingsschülerin Fräulein Yeraldina Martinez Kroll, die die Tanzgruppe der Vereinigung und den Kirchenchor leitet und die deutsche Sprache unterrichtet.

Pozuzo, 27. März 2012

Verfasst von:

Lic. Wilfredo Laura Contreras

Direktor Museum Schafferer in Pozuzo

Quellen:

• Autobiografie von Delfina Randolf (2009)

• Buch «Un momento de gratitud para nuestros líderes …» (Institución Educativa Túpac Amaru de Pozuzo, 2008)

• Interviews und verschiedene Artikel der Zeitschrift Despertar Pozucino (1991–1998)

• Zeitschrift «Rumbo a los 150 años de Pozuzo» (2007)

• Archiv AHC, Pozuzo

• Museum Schafferer

• Niederschriften, Ansprachen, Berichte und verschiedene Artikel von Wilfredo Laura.

Foto: Ministerio de la Mujer y Poblaciones Vulnerables del Perú

 

 

 

 



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