Persönlichkeiten

Antonio Brack Egg

Interview mit Antonio Brack Egg, Peruaner, in Villa Rica geboren. Sein Vater war Deutscher, seine Mutter Nachfahre von Einwanderern aus Tirol. Die Erfahrung eines sehr einfachen Lebens im zentralen Urwald Perus und sein unermütliches Bestreben, die Umwelt immer besser zu verstehen, haben den herausragenden peruanischen Wissenschaftler für Umwelt geformt und eine außergewöhliche Persönlichkeit innerhalb der Nachfahren deutschsprachiger Einwanderer in Peru.

Dr. Brack, Sie sind in Peru geboren aber deutsch-österreichischer Abstammung. Welchen Einfluss hatte das in Ihrem Leben?

In erster Linie hat mir das den Zugang zu einer weiteren Sprache gegeben, da ich tirolerisches deutsch in der Familie gelernt hatte und das öffnete mir schon in jungem Alter den Zugang zu sehr interessanten Büchern. Ein sehr wichtiger Einfluss war die Disziplin in der Familie und bei der Arbeit aufAntonio Brack dem Feld, da wir von klein auf zum Arbeiten erzogen wurden. Schon mit 7 Jahren mussten wir um 6 Uhr früh den Eltern beim Melken der Kühe helfen und verschiedene Arbeiten auf dem Feld verrichten. Die Pozuziner hatten die Gepflogenheit sich selbst zu versorgen und nicht auf dem Markt einzukaufen. Ich lernte den Garten zu bestellen, Tiere zu züchten, Käse und Butter zu fertigen und Schweine zu schlachten, um Würste und andere Fleischprodukte herzustellen. Das war für mich die beste Schule, die ich in meinem Leben besuchte.

Sie sind peruanischer Lehrer der Sekundärstufe und haben später den Doktorgrad in Naturwissenschaften in der Spezialität Ökologie erworben. Wie war Ihre Lebenserfahrung während dieser Jahre in Deutschland?

Das Pädagogikstudium und die Lehrerausbildung gaben mir den Blickpunkt, die Sachen in einfacher Form darzustellen und schufen die Grundlagen, um mich gut mitteilen zu können. Meine Studien in Deutschland und das Doktorat haben mich stark beeinflusst. Erstens die Organisation der Universität Würzburg, wo ich in 5 Jahren Studium nicht einen einzigen Unterrichtstag durch Studentenstreik verlohr. Zum zweiten bekam ich als eifriger Student vom deutschen Staat ein Stipendium für mein Doktorat wofür ich mich an einem Wettbewerb mit einer sehr strengen Befragung beteiligen musste. Zum dritten hatte ich an der Universität eine ausgezeichnete Bibliothek, besser als die peruanische Nationalbibliothek, und konnte sehr viel Inormation über Peru sichten, fotokopieren und mit nach Peru bringen, um mit meinen Forschungen voranzukommen. Es waren harte Jahre, da ich arbeiten musste, um mein Studium zu finanzieren, doch bereicherten sie mich sehr. Als mir im Jahre 1973 der so sehr ersehnte Doktortitel verliehen wurde, waren meine Überlegung und mein grösstes Antonio BrackGlück, dass ich – ohne Schuhe – in einer einklassigen Schule in Villa Rica begann und das mich nicht daran hinderte, in Deutschland einen Titel mit guten Noten zu erreichen. 

Was hat Sie zum Studium der Natur bewogen?

Es waren mehrere Lichter, die sich auf meinem Wege entflammten und mich orientierten. Das erste war, dass meine Mutter erzählte, dass mein Großvater in Pozuzo einen Vertrag mit dem Londoner Museum hatte, um Insekten und Tierfelle zu senden und er dies mehrmals tat. Ich konnte später persönlich überprüfen, dass es in London von Luis Egg gesammelte Spezien gibt. Später las ich mit 12 Jahren das Werk Antonio Raimondis «EL Perú», wo er im ersten Band seine Reisen beschreibt und wie er nach Pozuzo kam. Das faszinierte mich. Im Colegio Salesiano hatte ich in Naturwissenschaft zwei Lehrer, die mich orientierten und mir halfen, mehr Bücher zu lesen, da ich sehr neugierig war. 

Sie sind ein in Ökologie spezialisierter Wissenschaftler. Was sind Ihrer Meinung nach die Alternativen Perus für Entwicklungsmöglichkeiten, die auf der vorhandenen Biodiversität
basieren?

Ökologische Angelegenheiten werden im Lande generell von der «Klagemauer» aus betrachtet, das heißt Probleme der Umweltverschmutzung und viele andere. Ich sehe sie von der «Lösungsmauer» aus, die den Klagen gegenüber steht. Meine Ansicht ist, dass jedes Umweltproblem eine Lösung hat und diese Lösung kann ein Geschäft oder Ökogeschäft sein. In einem armen Land ist eine Lösung, die kein Geschäft ist, kaum durchführbar. Deshalb postuliere ich die Integrierung der Ökologie in die Wirtschaft und dass sie zum Wohlergehen der Bewohner beiträgt. Ich sehe daher, dass die Umkehrung von Prozessen, die für die Umwelt negativ sind, Möglichkeiten für Geschäfte in der Wiederverwendung von Abfall,Antonio Brack Wasser, usw. gibt, wie das auch schon praktiziert wird. Ich sehe auch, dass Peru ein Land für Ökogeschäfte ist, wie z.B. Ökotourismus, Fischzucht, gute Nutzung des Waldes, Aufforstung, organische Landwirtschaft, Tierzucht und verschiedene andere Formen. Die jungen Menschen begreifen das schnell und machen es sich zu eigen. 

Haben sie einige Zahlen zur Quantifizierung der Biodiversität?

Für mich ist Peru wegen seiner enormen Biodiversität das «Land des Lebens und der Diversität». In genetischen Reserven ist es das führende Land auf dem Planten mit 182 Pflanzenarten und 5 Haustierarten; die höchste Diversität in Ökosystemen und ökologischen Stufen; 653 Fruchtarten; 1816 Vogelarten; 4000 Orchideenarten; 3300 Schmetterlingsarten; 408 Anphibienarten; 2000 Fischarten, usw. Drei für das 21. Jahrhundert strategisch wichtige Regionen hat es: das Meer, eines der reichsten der Welt und außerordentliche Proteinreserve; die Anden, ökologische Rutschbahn und Reservat genetischer Reichtümer; und das Amazonasgebiet mit der grössten Artendiversität, unendlichen Wäldern und CO2-Kanal. 

Unser Land hat eine große Artenvielfalt. Ist das auf Weltebene bedeutungsvoll und warum?

Die Artenvielfalt Perus ist gegenwärtig außergewöhnlich wichtig. Es dreht sich um 4500 einheimische Pflanzenarten, deren Nutzungmöglichkeiten in der Bevölkerung bekannt sind, als Nahrung, Heilmittel, Färbemittel, Holz, Gewürz, Stimulierungsmittel, usw. Weiter werden 182 Arten angebaut, worunter Kartoffel (9), Mais, Tomaten, Papayas, Kürbisse, Körner und Wurzeln der Andenregion, Knollenfrüchte und Ajies hervorstechen. Es dreht sich um etwa 7000 bekannte, in Peru endemische Pflanzen- und Tierarten, die es in keinem anderen Teil der Welt gibt. Und es gibt noch so viele Arten zu entdecken!! Diese Arten sind für Pharmakologie, Ernährung, Ornament, Holz, usw. wichtig. 

Sie hatten mit dem Studium und der Festlegung von geschützten Gebieten in Peru zu tun. Mit wie vielen und mit welchen?

Eine meiner schönsten und befriedigendsten Arbeiten war mein Beitrag – nicht ausschließlich – zum Festlegen und Konsolidieren von etwa 14 geschützten Gebieten: Antonio BrackParacas, Junín, Chacamarca, Huayllay, Yanachaga-Chemillen, San Matías-San Carlos, Cerros de Amotaje, El Angolo, Sunchubamba, Titicaca, Lachay, Yanesha, Amaracaeri, usw. Gegenwärtig unterstütze ich verschiedene Gemeinschaften zum Festlegen privater Schutzgebiete. 

Üblicherweise wird Peru in die geografischen Regionen Küste, Gebirge und Urwald aufgeteilt oder aber auch in acht natürliche Regionen. Sie haben eine andere Theorie entwickelt. Welche Vorteile hat das System der 11 Ökoregionen?

Die Aufteilung Perus in Küste, Gebirge und Urwald, bei der das reiche Meer ausgeschlossen wird, vereinfacht zu sehr und kommt von den Eroberern, die Analphabeten waren. Danach wurden viele andere Aufteilungen erdacht. Ab 1973, während meiner langen Reisen durch Peru, mit Notizblock und Höhenmesser in der Hand, begann ich die Theorie der Ökoregionen zu entwickeln, in der Klassifizierungen zur Bodenbeschaffenheit, Flora, Fauna, Klima, usw. eingeschlossen sind. Dies brachte mich dazu, Peru in 11 Ökoregionen einzuteilen, was gegenwärtig weitgehend akzeptiert ist. Diese Aufteilung hat den Vorteil, Zonen hinsichtlich der Konzentration von Biodiversität und Endemismus, zukunftsträchtiger Arten, die Entwicklung begünstigende und begrenzende Faktoren, Ökogeschäfte, touristische Routen, usw. auszumachen. Außerdem wird sie sehr leicht von einfachen Leuten und Jugendlichen verstanden, denn andere, wie die Lebensräume, sind so kompliziert, dass sie nur wenige verstehen und noch weniger lernen. 

Die Funktion, die Ergebnisse Ihrer Forschungen mitzuteilen beschränkt sich nicht auf das Lehren als Professor. Wie viele Bücher tragen Ihren Namen und ungefähr wie viele Artikel?

Mir gefällt es zu schreiben und mich mitzuteilen. Das ist für mich eine Leidenschaft von der ich nicht weiß, woher sie kommt. Schreiben ist für mich ein Vergnügen. Mit 25 Jahren beginnend, habe ich 19 Bücher veröffentlicht und drei sind in Vorbereitung. Inner- und außerhalb des Landes habe ich mehrAntonio Brack als 250 Artikel veröffentlicht. Einige dieser Bücher haben mir eine sehr große Anstrengung gekostet, wie z.B. das Diccionario Enciclopédico de las Plantas Utiles del Perú (Lexikon der peruanischen Nutzpflanzen), zu dem ich 25 Jahre benötigte, um die Daten von 5000 peruanischen Nutzpflanzen zu sammeln. Ich habe wissenschaftliche Bücher und solche zur Schulbildung. 

Welches sind Ihre wichtigsten Bücher?

Das ist schwer zu sagen. Eines davon ist «El Ambiente en que Vivimos» (Die Umwelt, in der wir leben), zuerst im Jahre 1975 veröffentlicht und mit 16 Nachdrucken, erreichte es etwa 100.000 Lehrer und Schüler; es war ein großer Erfolg und das erste Buch über Naturschutz in Peru. Dann kommt «Diccionario de las Plantas Utiles» (Lexikon der peruanischen Nutzpflanzen), das zwar keine sehr große Auflage hat, aber von vielen Wissenschaftlern wegen der Information über die Nutzung der Pflanzen häufig befragt und fotokopiert wird. «La Ecología del Perú», in zweiter Auflage mit 10.000 gedruckten Exemplaren, ein neuer Erfolg, weil es von Studenten, Lehrern, Schülern und sogar von Touristen benutzt wird. Das für mich wichtigste Buch, von PNUD herausgegeben, ist «Biodiversidad, Pobreza y Bionegocios» (Biodiversität, Armut und Biogeschäfte), wo die Bedeutung der Biodiversität und der damit verbundenen Geschäfte zur Überwindung der Armut im Lande untersucht werden. 

Und die TV-Serie «La Buena Tierra» (Die gute Erde). Wird sie auch im nächsten Jahr andauern?

Bis Dezember 2004 wird die TV-Serie La Buena Tierra nun schon 19 einstündige Sendungen haben. Für das nächste Jahr 2005 sind 10 weitere schon finanziert. Unterstützung und Finanzierung zu erhalten ist sehr schwer, weil Entwicklungsthemen nur schwer in einem Land zu verkaufen sind, das sich mit Klatsch beschäftigt und das Negative ausposaunt. Doch kann ich mich nicht beschweren. 

Bedeuten die schleche Nutzung der natürlichen Reichtümer und die zunehmende Verschmutzung der Umwelt eine Gefahr für unsere Biodiversität?

Die schlechte Nutzung oder Zerstörung der natürlichen Ressourcen sowie die Verschmutzung bedeuten nicht nur eine Gefahr für die Biodiversität, sondern auch für die produktive Basis des Landes Antonio Brackund die Gesundheit der Menschen und können sogar unsere Ausfuhren erschweren oder blockieren. Die Verschlechterung der landwirtschaftlichen Böden ist alarmierend und das verursacht in den ländlichen Gebieten mehr Armut, speziell im Gebirge, weil sich die Produktion immer mehr verringert. Die Verschmutzung des Wassers ist schwerwiegend, weil 99% der Gemeinden das Abwasser und den Müll ohne Behandlung in den nächstliegenden Fluss, See oder das Meer entleeren und das ist eine Tragödie für die Gesundheit und die Diversität des Lebens im Wasser. Das Fällen von 15.000.000 ha Wald, davon 10.000.000 ha im Amazonasgebiet, vernichtet Arten und zerstört die produktive Basis der Fauna, von Nahrungsmitteln, usw. Es gibt positive Anstrengungen, doch sind besser integrierte Maßnahmen erforderlich. 

Peru ist ein privilegiertes Land. In wenigen Stunden kommen wir von der Küste über das Gebirge in den Urwald. Was ist zu tun, um sich des Reichtums unseres Landes bewusst zu werden?

Sicherlich gibt es heute mehr Bewusstsein als vor 30 Jahren, weil alle Medien dieses Thema aufgreifen und viele ONGs daran arbeiten. Der große Fehler liegt in der nationalen Bildung, die sich außerhalb der Realität des Landes befindet und die Peruaner nicht lehrt, ihr eigenes Land zu achten und aus ihm ein entwickeltes Land zu machen. Die Erziehung ist Ergebnis der geringen Qualifizierung des grössten Teils der Lehrer und dem geringen Interesse der Eltern. Man sagt einfach, die Regierung tut nichts. Ich glaube, dass es Angelegenheit der ganzen Gesellschaft ist. Andererseits plant Peru seine Zukunft nicht, es ist ein Land, das ohne klare, langfristige Ziele nur so dahingetrieben wird, Es nicht nicht so, dass die meisten Politiker schlecht sind, sie sind einfach das Ergebnis unseres Erziehungswesens. Hier wird eine an nationalen Zielen orientierte eine grundlegende Reform benötigt. Die Inhalte werden in Lima erstellt, das den Rest des Landes ignoriert, und ist für alle gleich, in einem Lande, das in jeder Hinsicht sehr verschiedenartig ist. 30% der Inhalte sollten für alle gleich sein und der Rest zumindest für Küste, Gebirge und Urwald unterschiedlich. 

Es ist wirklich beschämend, dass es in einem Land mit so vielen Ressourcen und so großer Vielfalt wie sie Peru hat, so große Armut gibt! Ich bin völlig überzeugt, dass Peru unermessliche Möglichkeiten hat, um ein reiches Land zu sein mit einer hohen Lebensqualität seiner Bewohner. Wie schon Antonio Raimondi schrieb, «gebt der Politik eine Ruhepause und beschäftigt Euch damit, Euer Land und seine unermesslichen Schätze kennenzulernen». So einfach ist es.

Laura und Erwin Dopf

Fotos: Antonio Brack









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